Edvard Munch1863 Løten (Hedmark) – 1944 Ekely (Oslo)
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Mit warmherzigem Blick wendet sich die damals 26-jährige Johanna Louise Esche, genannt Hanni, auf dem von Edvard Munch 1905 gemalten Porträt dem Betrachter zu. Selbst aus einer Unternehmerfamilie stammend, heiratete sie 1899 Herbert Eugen Esche aus der Chemnitzer Strumpfwarenfabrikanten-Dynastie und gebar ihm 1900 einen Sohn und 1903 eine Tochter. Das junge Ehepaar bezog Ende 1903 eine neue Villa in Chemnitz, die es zwei Jahre zuvor bei einem jungen belgischen Architekten in Auftrag gegeben hatte. Es handelte sich um den ersten grossen Bauauftrag an den später zu hohem Ruhm gelangten Henry van de Velde.[1]
Um ihrem inzwischen errungenen gesellschaftlichen und familiären Stand Ausdruck zu verleihen,[2] hegten Herbert und Hanni Esche den Wunsch, Bildnisse von sich selbst und ihren beiden Kleinkindern malen zu lassen. So progressiv wie die Architektur ihrer Villa und deren Innenausstattung waren, kam eigentlich nur ein Künstler in Frage, der dieser Radikalität gerecht werden konnte. Im Frühsommer 1905 machte van de Velde das Ehepaar Esche auf Munch aufmerksam. Der norwegische Skandalkünstler wurde nach 1900 vor allem in Deutschland zu einem gefragten Porträtisten im Kreise einiger wenigen, neuen Kunsttendenzen gegenüber aufgeschlossenen Leuten. Sein erster wichtiger Auftraggeber war der Lübecker Augenarzt Max Linde, der seine vier Söhne von Munch 1903 als Gruppe porträtieren liess. Nachdem Herbert und Hanni Esche Munchs Gemälde bei einem Besuch bei Linde mit Begeisterung aufgenommen hatten, kontaktierte Frau Esche den Künstler am 12. Juli 1905 und äusserte ihm gegenüber den Wunsch, ihre beiden Kinder von ihm porträtieren zu lassen.[3] Zu Beginn des Auftrags an Munch stand daher das «Kinderbild», Porträts der Eheleute wurden offenbar erst später thematisiert.[4] In seiner Zusage an Hanni Esche schrieb der Künstler gleichzeitig, wie er üblicherweise vorgehe: «Ich male ziemlich schnell aber brauche einige Tagen (sic) um die Modellen (sic) zu studieren.»[5] Über Munchs Vorgehen war Frau Esche bereits von Linde ins Bild gesetzt worden: «Er arbeitet stets so, dass er lange aufsaugt, um plötzlich mit elementarer Kraft und Wucht das Geschaute schnell zu gestalten.»[6]
Diese Schnelligkeit und Spontaneität in der Ausführung sind auch im «Bildnis Hanni Esche» erhalten geblieben, obschon es sich um die zweite Version ihres Konterfeis handelt, das Munch nach seiner Abreise von Chemnitz Ende Oktober 1905 anfertigte. Eine Fotografie vom Oktober 1905 zeigt die erste Version der Porträtierten in derselben Haltung, jedoch vor einem dunkleren (vermutlich blauen [7]) Hintergrund sowie in einem höheren Format. Der Hintergrund in jenem, heute verschollenen Gemälde scheint die Raumsituation des Wohnzimmers mit blauer Wandbespannung und hellem Wandstreifen unterhalb der Decke aufzunehmen. Diese Probehängung dürfte Munch im Einverständnis mit den Auftraggebern dazu veranlasst haben, Hanni Esche im gemalten hellblauen, luftigen Kleid vor einem andersfarbigen Grund und in einem in der Höhe verkürzten Format darzustellen.[8] Munch entschied sich im November 1905 für einen leuchtend gelben Grund, wie er ihn auch bei anderen Porträts um 1904 bis 1906 einsetzte.[9]
[1] Weiterführende Literatur: Edvard Munch und die Familie Esche. Die Bildnisse, die Sammlung, Ausst.-Kat. Kunsthaus Zürich, Texte von Christian Klemm und Lukas Gloor, Zürich 2016; Edvard Munch in Chemnitz, Ausst.-Kat. Kunstsammlungen Chemnitz, hg. von Ingrid Mössinger et al., Köln 1999.
[2] Herbert Eugen Esche hatte nach dem Tod seines Vaters 1902 zusammen mit seinem Bruder die Geschäftsleitung der Strumpfwarenfabrik übernommen, die damals die grösste in ganz Deutschland war.
[3] Ausst.-Kat. Zürich 2016 (wie Anm. 1), S. 16; Ausst.-Kat. Chemnitz 1999 (wie Anm. 1), S. 22.
[4] Insgesamt entstanden acht gemalte Porträts der Familie Esche.
[5] Ausst.-Kat. Zürich 2016 (wie Anm. 1), S. 18; Ausst.-Kat. Chemnitz 1999 (wie Anm. 1), S. 22.
[6] Ausst.-Kat. Zürich 2016 (wie Anm. 1), S. 15.
[7] Ausst.-Kat. Zürich 2016 (wie Anm. 1), S. 50, 52, Abb. S. 53.
[8] Bei der zweiten Version ist etwa ein Drittel der Leinwand am oberen Rand unbemalt geblieben und über den Keilrahmen nach hinten gespannt worden.
[9] Ausst.-Kat. Zürich 2016 (wie Anm. 1), S. 15; Gerd Woll, Edvard Munch – The Complete Paintings. Catalogue Raisonné, Bd. 1, z. B. Nrn. 526, 579, 693, 696.
ab 2015, Herbert Eugen Esche-Stiftung (*1997) (Sammlung), Zürich, Kauf
ab 2016, Zürcher Kunstgesellschaft | Kunsthaus Zürich (Museum), Zürich, Leihgabe
Provenienzstatus
keine NS-Raubkunst
Literatur (Provenienz)
- Edvard Munch und die Familie Esche. Die Bildnisse, die Sammlung, hrsg. von Christian Klemm/Lukas Gloor, Sammlungskatalog Kunsthaus Zürich, Zürich: Scheidegger & Spiess, 2016.
Zur Provenienz
Recherchestand 06.03.2024
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Literatur (allgemein)
- Edvard Munch und die Familie Esche. Die Bildnisse, die Sammlung, hrsg. von Christian Klemm/Lukas Gloor, Sammlungskatalog Kunsthaus Zürich, Zürich: Scheidegger & Spiess, 2016, S. 51.
- Edvard Munch in Chemnitz, hrsg. von Ingrid Mössinger et al., Ausst.-Kat. Kunstsammlungen Chemnitz, Köln: Wienand, 1999, S. 60 (ill.).
- Gerd Woll: Edvard Munch. Complete Paintings. Catalogue Raisonné, Vol. II, London: Thames & Hudson, 2009, No. 656, S. 666.